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Sammlung Macht Revolution. Museale Praxis in der Sowjetunion 1917-1941

Müsste man sich für ein dominantes Narrativ entscheiden, das die sowjetische Geschichte von Anbeginn am treffendsten charakterisierte, so gäbe die Erzählung des unbedingten Fortschritts wohl die wahrscheinlichste ab. Sie beruht auf einer Redeweise, die auf die ersten Ziele der Revolution zurückgeht und im Grunde genommen die Gestaltbarkeit der Geschichte ernst nimmt. Dabei gerät aber zunächst weniger die Geschichte als die Zukunft zum zentralen gesellschaftlichen und politischen Ausrichtungspunkt: Versprechen von Gerechtigkeit, Prosperität, Egalität, Bildung, Glückverheißung. Letztlich wird dadurch sämtliches utopisches Potenzial aktiviert und gleichzeitig in Aussicht gestellt, diese Utopien tatsächlich Wirklichkeit werden zu lassen. Zeitgleich mit diesem emphatischen Aufbruch in eine bessere Zukunft wird aber bereits im November 1917 eine, wie sich herausstellen wird, nicht minder mächtige Rede vernehmbar, die die Bewahrung der russischen Altertümer und der russischen Geschichte in ihren Fokus rückt und deren museale Aufbereitung einfordert. Das historische Gedächtnis gilt offenbar nicht nur als Notwendigkeit kultureller Selbstvergewisserung, sondern wohl auch als Garant für den Erfolg des neuen Regimes. Die museale Aktivität in den ersten Jahren nach 1917, selbst während des Bürgerkriegs, ist entsprechend immens, die Hoffnungen, die man in das Museum als revolutionäre Institution legt, sind nicht minder groß. Dies liegt vor allem daran, dass die Museen die nicht zu überschätzende Möglichkeit bieten, bestimmte Ordnungen, Anordnungen, Klassifikationen herzustellen, die aufgrund ihrer Reichweite gesamtgesellschaftliche Bindungskräfte entfalten können. Vor diesem Hintergrund scheint sich das Museum nahtlos in den Dienst der Revolution und ihrer Akteure zu stellen, indem es unterschiedliche Elemente wie Erziehung, Produktion, Kultur, Politik und Rezeption ineinanderfügt, aber auch die drei Zeitebenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft neu aufeinander auszurichten vermag. Bereits die Errichtung des ersten Revolutionsmuseums 1919 zeugt von einer Hoffnung auf umfassende Einflussnahme und auf Erziehbarkeit der sowjetischen Bürger zu neuen Menschen – letztlich zeugt sie von den sowjetischen Phantasien der Beherrschbarkeit der Geschichte. Nicht mehr sie, sondern der Mensch wird gleichsam zu einem OrdnungsHüter: Die Ordnungen der Sammlungen repräsentieren nicht nur die Ordnungen der Vergangenheit, sondern spiegeln vor allen Dingen die Ordnungen Zukunft.

Das hierbei oberflächlich erkennbare Muster einer herrschaftlichen Disziplinierungsanstalt ist keinesfalls sowjetisch; es ist vielmehr dem großen Vorbild 1789 entlehnt und gleicht ihm formal in allem. Das Forschungsprojekt versucht nun zum einen die Mechanik des revolutionären Museums herauszupräparieren, indem die Großereignisse von 1789 und 1917 in diesem Bereich übereinandergelegt werden, und fragt danach, ob sich diese universale Technologie tatsächlich auf einen musealen Raum beschränken muss. Denn museale Sammlungen sind Ordnungsprinzipien und damit Machtprinzipien, die Mensch, Ding & Zeit in ein modernes Verhältnis setzen. Zum anderen gilt die Aufmerksamkeit der spezifischen Entwicklung in der Sowjetunion: Wie wird das Verhältnis zwischen alt und neu, im simpelsten Falle etwa zwischen zarischem Erbe & sowjetischem Versprechen, museal ausgemessen? Wie und wo genau verläuft dabei der früh einsetzende Bewahrensdiskurs? Wer konzipiert und produziert Ausstellungen, welche Ordnungen werden dadurch geschaffen? Wer geht in Ausstellungen, wie werden diese neuen Ordnungen aufgenommen, wie verarbeitet?

Im angegebenen Zeitraum durchläuft das Museum mit seiner offiziellen Einbindung 1930 in die politische Erziehungsarbeit zumindest zwei Phasen. Gilt es zunächst noch als weithin sichtbarer Marker, sich von der überkommenen zarischen Praxis abzuheben, so kommt ihm mit der Stabilisierung der kommunistischen Herrschaft in den 1930er Jahren die Aufgabe zu, sich die Vergangenheit anzueignen, nun durch Integration der Geschichte die Herrschaft zu festigen und auszubauen. Wie und auf welchen Wegen erfolgt diese Aneignung? Welche Spielräume ergeben sich dabei für die Museumsbesucher? Dieses Forschungsprojekt versucht, das Museum weniger als herrschaftliches Instrument zu betrachten, was dessen Möglichkeiten und Funktionen erheblich verkürzen würde, sondern vielmehr als institutionalisierte Produktionsstätte aufzufassen, an der Kultur, Politik und nicht zuletzt Gesellschaft gleichsam entworfen und hervorgebracht werden und an der (museale) Ideologie und Toleranz, also Disziplin und Eigensinn, alle Beteiligten gleichermaßen erfasst.

Roland Cvetkovski