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Visuelle Repräsentationen & Medienkulturen

 

Sammlung Macht Revolution

Dr. Roland Cvetkovski

Mit der Revolution 1917 wollten sich die Bolschewiki von der Vergangenheit befreien, um eine neue, in ihren Augen gerechtere Welt zu erschaffen. Doch kamen sie schnell zu der Einsicht, dass dies ohne die Hereinnahme und Umdeutung der überkommenen Traditionen nicht zu bewerkstelligen war. Die Institution des Museums galt ihnen dabei als eine der wichtigsten Plattformen, auf der die Neuausrichtung des Verhältnisses zwischen Alt und Neu am anschaulichsten aufgezeigt werden konnte. Gerade das Kunstmuseum, das durch den Louvre den Urtypus des modernen und zugleich des revolutionären Museums darstellt, spielte dabei eine herausragende Rolle. In Russland übernahm die Tret’jakov-Galerie nach 1917 diese repräsentative Aufgabe, was allerdings kaum bekannt ist. Ich möchte in diesem Projekt daher herausarbeiten, welche Bedeutung das revolutionäre Kunstmuseum in der Sowjetunion in den 1920er und 1930er Jahren besaß. Im Fokus steht die Frage, auf welchem Weg die musealen Technologien des Sammelns, Ordnens und Ausstellens von Kunst unter dem neuen Regime aufgewertet wurden und wie diese Technologien Anwendung und Aufnahme fanden.

Die Tret’jakov-Galerie war auch deswegen von enormer Bedeutung, weil sie maßgeblich dafür verantwortlich war, der neuen zeitgenössischen Kunst eine Form zu geben. Ihr wurde nicht nur die Aufgabe übertragen, eine neue Kunst, sondern auch eine neue visuelle Kultur einzusetzen. Sie besaß die Autorität, das richtige Sehen und Betrachten von Kunst zu institutionalisieren. Die Tret’jakov-Galerie setzte daher nicht nur die neuen Standards dafür, wie man eine grundbürgerliche Institution in eine sowjetische Einrichtung umwandelte. Sie erneuerte vor allem das Kunstverständnis, indem sie den neuen Kunstkanon erarbeitete.

Ich möchte in meiner Arbeit das russische Kunstmuseum in einen breiteren Kontext setzen. Damit sowohl die Kontinuitäten als auch die tasächlichen Brüche genauer bestimmt werden können, bilden die Jahrzehnte zwischen 1900 und 1940 den Untersuchungszeitraum. Gefragt wird nach den unterschiedlichen Akteuren, die am Aufbau des neuen Kunstmuseums beteiligt waren, aber vor allem nach den Praxen, die das Kunstmuseum von Grund auf konstituierten. Damit lassen sich die vielschichtigen Prozesse beschreiben, die nach 1917 das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Kunst neu austarierten.

Erinnern und Vergessen im modernen Europa: Erinnerungsfilme und die Entstehung einer transnationalen Erinnerungskultur in Deutschland und Polen

Dissertationsprojekt: Rebecca Großmann

Erinnerung hat noch immer Hochkonjunktur in Europa und prägt so auch die Beziehungen zwischen den europäischen Nationen. Das gilt in besonderem Maße für Deutschland und Polen. Populären Spielfilmen als breitenwirksamen Trägern von Geschichtsbildern kommt dabei im öffentlichen Diskurs eine immer bedeutsamere Rolle zu. Ein gutes Beispiel hierfür ist die hitzige Diskussion um die deutsche TV-Produktion Unsere Mütter, unsere Väter (2013). Für den polnischen Präsidenten Andrzej Duda hat die deutsche Miniserie Vorbildcharakter – freilich nicht ihres Inhaltes, wohl aber ihrer Wirkungsmacht wegen. Denn die Schaffung eines affirmativen Geschichtsverständnisses steht weit oben auf der Agenda der neuen nationalkonservativen Regierung in Polen.

Trotz dieses politischen Trends zur Renationalisierung: Das nationale Vakuum verlassen die Debatten um Erinnern und Vergessen immer häufiger. Vergangenheitsbilder werden auch oder gerade auf transnationaler Ebene ausgehandelt. Nach wie vor dient Vergangenheit Gesellschaften dabei als Richtschnur, um ihr Handeln in der Gegenwart und Zukunft zu definieren. Für Deutschland und Polen mit ihren Spezifika als Einwanderungs- bzw. Transformationsgesellschaft hat der Wechsel von einem nicht mehr funktionalen nationalen zu einem neuen transnationalen Referenzrahmen eine wichtige Funktion. Dieses Promotionsprojekt will breitenwirksame, transnational kontrovers diskutierte Erinnerungsfilme in den Fokus rücken, um Verbindungen und Wechselwirkungen zwischen den Erinnerungskulturen in Deutschland und Polen zu identifizieren und das Wie, das Warum sowie die Motivation der Akteure eines sich transnationalisierenden Erinnerns zu verstehen. Weil Erinnerungsfilme ihre Wirkung in jeweils spezifischen diskursiven Kontexten entfalten (Erll & Wodianka, 2008), soll über eine Analyse des filmimmanenten Erinnerns und Vergessens hinaus die Rezeption und Einbettung der Erinnerungsfilme in die Debatten über Erinnerungskultur in Deutschland und Polen einbezogen werden. Dabei folgt die Analyse ausgewählter, populärer Spielfilme um den Themenkomplex Zweiter Weltkrieg verflechtungsgeschichtlichen Überlegungen. Ziel ist, unter Berücksichtigung des modernen Mediums Spielfilm einen Beitrag zur Debatte über die Entwicklung einer transnationalen Erinnerungskultur im modernen Europa zu leisten, um ein differenziertes Bild ebendieser zu zeichnen.

Popular Orientalism. Representations of the Multiethnic Empire in the Russian Popular Press, 1870-1917

Prof. Dr. Maike Lehmann

Ever since the conquest of Kazan in 1552 Russia was a multiethnic empire. But while cooptation of non-Slavic nobles ensured the integration into the ever growing empire as much as the negotiation of interethnic relations was a matter of everyday encounters on the imperial peripheries the lower strata living in the Slavic heartland had only seldom if any contact with other ethnic or religious groups. Besides army veterans returning to their villages it was the burgeoning popular press in the second half of the 19th century that provided literate peasants and other dwellers of the Russian provinces with information about the faraway regions and ethnic groups of the Russian empire.

This project explores the visual and narrative presentations of non-Slavic groups in the most popular magazine of the time, Niva (Grainfield), which combined colored prints and etchings with texts by acclaimed authors such as Tolstoy, Lermontov, Chekhov and Gorky. The tableaux of empire offered by Niva provides not only an insight into the publishing elite’s ideas about what their readers should learn about the empire, but also about the readers’ access to a larger multiethnic world. This turn to the popular horizons might provide an insight into the imagined communities of the Russian empire beyond the scientific and literary elites that have been discussed in regards to a purportedly distinctive approach to the ‘Orient’ in Imperial Russia in recent years (Layton, Tolz, Schimmelpennick an der Oye).