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Identität, Tradition, Utopie. Konservatismus als politische Kultur in Russland und Europa um 1800

Dr. Roland Cvetkovski

Dieses Forschungsvorhaben ist zeitlich in der Übergangsphase zwischen Vormoderne und Moderne angesiedelt und nimmt sich im weitesten Sinne eine Ideengeschichte im „aufgeschobenen Ende des 18. Jahrhunderts“ (Aleksandr I. Kuprijanov) vor. Im Mittelpunkt stehen dabei die Genese, Ausformulierung sowie Verankerung frühkonservativer Vorstellungen, die oft als Startpunkt der autokratischen Verknöcherung Russlands im 19. Jahrhundert angesehen wurden, weil die meisten ihrer Träger staatsnah agierten und auf eine scheinbare Bewahrung des ancien régime bedacht waren. Gleichzeitig standen viele von ihnen aber auch in weiteren europäischen Zusammenhängen, wo man diese Umbruchsphase als eine Möglichkeit zur gesellschaftlichen Regeneration begriff und dabei erste politische Wertedebatten anstieß.

Dieses Projekt möchte den russischen Frühkonservatismus in einen breiteren Kontext stellen. Es begreift ihn einmal als ein ideengeschichtliches Phänomen, das seinen Ausgang in der russisch-orthodoxen Aufklärung nahm, weswegen gerade auch die Provinzeliten stärker in den Fokus gerückt werden müssen. Zugleich wird der Konservatismus als Ausdruck einer frühen politischen Kultur verstanden, die in einen größeren europäischen und kosmopolitischen Zusammenhang gebettet ist. Denn gerade vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Konservative zu Beginn des 19. Jahrhunderts eigentlich einen utopischen Diskurs mitbegründeten, indem sie Topoi wie Familie, Geschichte, Staat und Glaube als traditionsgebundene Werte stark machten, sie aber in Wirklichkeit im Zuge dieser übergreifenden Regenerationsdebatte als neue politische Kampfvokabeln prägten.